Functional Training - Movement Patterns - Tom Schwendener

Beim Functional Training werden Bewegungsmuster trainiert

In meinem letzten Artikel habe ich abschliessend ‚Functional Training‘ empfohlen und dies folgendermassen beschrieben:

„Bewegen Sie sich einfach in optimalen Bewegungsmustern. Machen Sie Ausfallschritte, Squats, Sprünge, Klimmzüge, den SFT Bewegungszirkel etc., in zwei Wörtern ausgedrückt: Functional Training“

Ist mit diesem Satz bereits gesagt was Functional Training ist? Wohl kaum und deshalb möchte ich in diesem Artikel umschreiben, was Functional Training für mich bedeutet.

Functional Training trainiert vor allem Bewegungsmuster

Functional Training ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden, obwohl es eigentlich nichts völlig Neues ist.

Kritische Stimmen sprechen von einem Trend, Sympathisanten (wie ich) von einer Trainingsphilosophie, aber die wenigsten verstehen wahrscheinlich das Selbe unter dieser Bezeichnung.

Dass Functional Training eine solche Wiederbelebung erfahren hat, haben wir unter anderem Personen wie Gray Cook, Mike Boyle oder Mark Verstegen zu verdanken und ich habe damit bestimmt bei weitem nicht alle Personen genannt, welche dieser ‚Bewegung‘ zu mehr Bekanntheit verholfen haben.

Mich persönlich haben die beiden Bücher von Gray Cook (‚Der perfekte Athlet‘ & ‚Movement‘) besonders inspiriert und ich möchte in diesem Artikel deshalb vor allem anhand von Zitaten aus diesen Werken erklären was Functional Training (für mich) bedeutet.

Ich werde dabei auf drei zentrale Merkmale eingehen, welche Functional Training meines Erachtens kennzeichnen:

  1. Im Functional Training werden Bewegungsmuster trainiert, nach dem Motto: Form folgt Funktion.
  2. Im Functional Training steht die Bewegungsqualität an erster Stelle, nach dem Motto: Qualität vor Quantität.
  3. Im Functional Training werden Schwächen des Trainierenden ausfindig gemacht und diese ins Zentrum der Trainingsplanung gestellt, nach dem Motto: Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

Nun aber etwas konkreter zu diesen drei Bereichen:

1. Bewegungsmuster stehen im Zentrum bzw. Form folgt Funktion

„Der Fokus auf Bewegung, nicht Muskeln, wird sich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen“ (Cook, 2011, S.14).

Mit diesem Satz ist meines Erachtens bereits sehr stark angedeutet welcher rote Faden sich nicht nur durch sein Buch, sondern durch den gesamten Bereich des Functional Trainings ziehen wird, nämlich artgerechte Bewegungsmuster.

In den folgenden zwei Zitaten wird Gray Cook dann noch etwas konkreter:

„Ziel des Trainings ist nicht, das Aussehen des Körpers zu verändern, sondern seine Bewegungen zu verbessern. Deshalb sollte das Training sich auch mehr auf Bewegungsmuster konzentrieren als auf einzelne Muskeln. Denn die Muskeln entwickeln sich automatisch, sobald an verschiedenen Bewegungsmustern gearbeitet wird, wodurch die meisten Athleten quasi von ‚alleine‘ so aussehen, als ob sie Bodybuilding betreiben würden. Der Fokus liegt bei ihnen jedoch auf der Bewegung ans sich; die tolle äussere Form ist nur ein Nebenprodukt“ (Cook, 2011, S.32).

„Ein Athlet definiert sich nicht über sein Aussehen, sondern über seine Art, sich zu bewegen. Modernes Krafttraining mit Gewichten hat zum Beispiel häufig mehr mit Bodybuilding zu tun als mit sportlicher Leistung und verbesserten Bewegungsabläufen. Ein Sportler muss vernünftige Bewegungsmuster entwickeln, lange bevor er sich Sorgen um Leistungsverbesserungen machen sollte“ (Cook, 2011, S.24).

In diesen Zitaten kommt meines Erachtens ziemlich deutlich zum Vorschein worum es beim Functional Training geht und dass Functional Training in einer gewissen Opposition zum Bodybuilding steht. Liegt beim Bodybuilding der Fokus oft auf einzelnen Muskelgruppen, ist der Fokus im Functional Training auf Bewegungsmuster gerichtet.

Ich vermute Personen, welche sich dem Functional Training zuwenden stammen überwiegend aus zwei Bereichen, entweder dem Leistungssport, oder aber dem Gesundheitssport. Ich denke diese Personen meinen erkannt zu haben, dass im Gesundheitssport, wie auch im Leistungssport die Einflüsse des Bodybuildings in den vergangenen Jahren zu einer für ihre Zielsetzungen nicht sinnvollen Entwicklung geführt haben.

Ein Zitat von Pavel Tsatsouline zu dieser Thematik wäre das Folgende;

“In the 1980s hardcore New York powerlifter Dr. Ken Leistner watched the explosion of bodybuilding and predicted the decline of effective strength training. He was right. Proliferation of the strength = size mentality lead to two unfortunate developments.

First, athletes started equating strength training with bodybuilding. The result was ‘Hollywood muscle’—all show and no go. Although the new breed of US weightlifters were unquestionably buff, they, unlike their predecessors, could not hold a candle to the Eastern Europeans when it came to hoisting iron.

Second, women shy away from effective strength training in fear of getting bulky. They are content being weak because they do not know that they can get stronger without developing the bod of a Jesse Ventura. Ladies resort to pathetic high rep programs that do nothing to improve their muscle tone or strength. Indeed, bodybuilding is the worst thing that ever happened to strength training” (Tsatsouline, 1999, S.11).

(nebenbei für alle Frauen: zu Punkt zwei hat Andrea Szodruch einen treffenden Artikel geschrieben: ‚Ran an die Gewichte, Mädels!‘)

Gray Cook meint unteranderem folgendes zu dieser Thematik:

“The gym equipment industry offered us another solution. If a person couldn’t squat but still wanted to work leg muscle development, they were there to help with a leg press, a leg extension and a leg curl machine. With these machines, we can work the leg musculature without ever performing the functional patterns these muscles support.

This is a big problem because the prime movers still get exercised while the stabilizers lag behind. The stabilizers do not have to work in a natural manner in a partial pattern, during isolation exercises and on most weight machines.

Own the movement before you do the exercise” (Cook, 2010, S.200).

“Nevertheless, here we are. Modern fitness equipment allows training while sitting and even slouching comfortably. This equipment accommodates pushing and pulling with the arms, and flexing and pressing with the legs. The equipment also furnishes torso flexion, extension and rotation without forcing users to balance on their feet or naturally engage the stabilizing musculature.

People move muscles without the burden of controlling bodyweight, maintaining balance or managing alignment, but that is not life.” (Cook, 2010, S.74).

Ich persönlich habe nichts gegen Bodybuilding, solange diese Trainingsphilosophien aus den Bereichen Leistungssport (mit Ausnahme von Bodybuilding selber) und besonders Gesundheitssport herausgehalten werden. Das ist leider meines Erachtens nicht der Fall, auch wenn dies nicht der Fehler einzelner Bodybuilder ist. Ich denke aber, dass Functional Training die Trainingsmethode der Wahl im Bereich Leistungs- und Gesundheitssport  sein sollte und deshalb setze ich mich dafür ein. Es fällt mir schwer, wenn ich u.a. ältere Menschen dabei zusehen muss, wie sie in eine der Maschinen ‚eingespannt‘ werden, welche Gray Cook in seinem Zitat erwähnt (leg press, leg extension, leg curl) und ich gleichzeitig der Überzeugung bin, dass z.B. Squat-Übungen, Ausfallschritte, Turkish Get Up’s oder Liegestützen so viel sinnvoller für ihre Zielsetzung (wahrscheinlich: Erhaltung ihrer Selbständigkeit) wären.

Natürlich ist es erfreulich, dass diese Personen den Elan aufbringen ein Krafttraining zu betreiben, aber dann möchte ich ihnen auch das sinnvollste Training bieten und ich glaube nicht, dass die genannten Maschinen, welche wohl immer noch zu den meist verbreitetsten gehören, ein solches Training bieten können.

Das Training im Sitzen, was bei vielen Maschinen der Fall ist, ist nicht sehr spezifisch. Ok, wir sitzen viel im Alltag, aber müssen wir das auch noch trainieren? Des Weiteren wird so ziemlich jeder koordinative Charakter entzogen, welcher für ein harmonisches Zusammenarbeiten ‚aller Systeme unseres Körpers‘ sehr sinnvoll ist. Maschinen führen uns in unseren Bewegungen und erlauben es uns Gewichte zu stemmen, die wir ohne diese Führung wohl kaum im Stande wären zu bewältigen. Wir haben es noch nicht verdient so viel Gewicht zu stemmen, aber die Maschine erlaubt es uns. Darüber hinaus in Bewegungsmustern, welche wir im Alltag selten bis nie gebrauchen. Weshalb sollten wir Bewegungsmuster trainieren, die wir im Alltag/Sport so nie brauchen?

Functional Training setzt meines Erachtens bei diesem Missstand an und richtet die Aufmerksamkeit auf die Verbesserung alltags- und sportrelevanter Bewegungsmuster mit Trainingsequipment, welches nicht nur die konditionellen-,  sondern auch die koordinativen Fähigkeiten trainieren. Neben dem Training mit dem eigenen Körpergewicht kommen unter anderem Lang- & Kurzhanteln, Kettlebells, Sling Trainer, Sandbags, Gewichtswesten, Medizinbälle, Springseile, Kabelzüge und einiges mehr zum Einsatz.

Trotz dieser Vielfalt an nützlichem Trainingsequipment liegt der primäre Fokus aber immer auf sinnvolle Bewegungsmuster gerichtet, das Trainingsgerät ist sekundär. Functional Training ist viel mehr als Kettlebell, Sling Trainer und Sandsack zusammen und hat mit Zirkusakrobatik nichts zu tun.

Zu den anderen Teilen der Artikelreihe geht es hier:

Teil 2: Beim Functional Training steht die Bewegungsqualität an erster Stelle

Teil 3: Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

3 Antworten
  1. Elmar
    Elmar says:

    Genialer Artikel, der mir aus der Seele spricht. Ich sage immer – wenn Du dich beim Training hinsetzt, machst Du was falsch. Klar, gibt es da auch Ausnahmen aber als einfache Regel seid Jahren bewährt!

  2. Tom
    Tom says:

    Hallo Elmar, vielen Dank für dein positives Feedback. Freut mich sehr einen Seelenverwandten gefunden zu haben 😉 Mit den zwei Teilen meines Artikels welche morgen und übermorgen gepostet werden, ist meines Erachtens das Gesamtbild von Functional Training dann allerdings noch etwas kompletter, denn Functional Training ist noch viel mehr als nur ein Training im Stehen 😉 schönen Abend!

  3. Paul Kliks
    Paul Kliks says:

    So, jetzt nimmt das ganze Form und Gestalt an. Danke für diesen herrlichen Artikel, Tom!

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