Faszien - Struktur und Funktion - Markus Bremen

Faszien – Struktur und Funktion

Unbekannt und faszinierend!

Ansichten über Bedeutung und Funktionen von Faszien haben sich in den letzten Jahren gewandelt. Mit diesem Beitrag möchte ich Euch für die Welt der Faszien sensibilisieren und den derzeitigen Stand der sporttherapeutischen Sichtweise aufzeigen.

Myofascial Release mit Foam Roller / © WavebreakMediaMicro – Fotolia.com

Unser ganzer Körper muss perfekt funktionieren. Tag für Tag. Um das zu gewährleisten brauchen wir nicht nur Muskelkraft, Ausdauer und Beweglichkeit, sondern auch das Bindegewebe.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Das Bindegewebe – genauer gesagt: Faszien. Sie setzen sich aus kollagenen (eiweißartigen) Strängen und einer flüssig-klebrigen Grundsubstanz zusammen. Wie dem Bild zu entnehmen ist, könnte man Faszien auch als faseriges Netzwerk bezeichnen, welches unseren gesamten Körper formt.

Um die Relevanz der Faszien zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Ausflug in die Anatomie.

Faszien sind räumlich trennende und formgebende Strukturen. Sie umhüllen jeden einzelnen Muskel, jeden Knochen, jedes Organ und auch die Nerven. Dadurch bilden sie ein spinnennetzartiges Geflecht. Würde man alle Organe, Knochen, Muskeln und Nerven aus unserem Körper entfernen, bliebe eine milchig-weiße Hülle mit Einbuchtungen und Gängen bestehen.

Betrachtet man die Faszienstruktur, lassen sich zwei Faszienschichten unterscheiden:

  • eine oberflächliche (Fascia superficialis)
  • und eine tiefe Faszienschicht (Fascia profunda).

Die Oberflächen-Faszie liegt direkt unter der Haut und ist mit dem Unterhautfettgewebe verwoben. Dadurch wird der Körper geformt und durch Dehnspannung (hohe Zugspannung) aufrecht gehalten. Wird diese Dehnspannung durch einseitige Belastung oder Bewegungsmangel reduziert, kommt es zu Einschränkungen in der körperlichen Belastung und Regenerationsfähigkeit.

In den tiefen Faszienschichten werden die Muskeln zu funktionellen  Einheiten organisiert. Innerhalb des Muskels bilden die Faszien stützende Trennwände (Septen).

Eine gesunde Faszienstruktur erkennt man an der Scherengitter-Anordnung. Bei jungen Menschen und einem jugendlichen Bewegungsstil im Alltag weist das Fasernetz zwei Komponenten auf:

  1. Scherengitterausrichtung
  2. Wellung

Dieser Faserverlauf erlaubt maximale Dehnung ohne Ruptur.

Die festen Strukturen ( Knochen ) im Körper berühren sich an keiner Stelle direkt, sondern werden durch korrekte Winkel und adäquate Spannung der Faszien auf Abstand gehalten.

Faszinierende Aufgaben

Faszien sind an jeder Muskelbewegung beteiligt und stabilisieren den Körper. Sie bilden die Basis für Gesundheit und körperliche Höchstleistung.

Die Kraft, welche in den Muskeln durch Kontraktionen erzeugt wird, muss auf unser Skelettsystem übertragen werden, um Bewegungen der Gelenke und damit des Körpers zu erzeugen. Faszien übertragen Kräfte auf unser Skelett, indem sie sich in Form von Sehnen am Knochen befestigen. Auch alle gelenkstabilisierenden Bänder bestehen aus faszialem Gewebe. Faszien sind deshalb für Bewegungen äußerst wichtig. Sind Faszien in ihrer Elastizität eingeschränkt, reduziert sich die Krafterzeugung sowie –übertragung. Die Elastizität ist dabei beeinflusst vom Wasserhaushalt im Körper sowie der Koordinationsfähigkeit des umspannenden Fasziensystems.

Neben der Kraftübertragung und Stabilität haben die Faszien auch eine Transportfunktion. Zwischen den Faszien wird Lymphflüssigkeit abgeleitet. Die Lymphe enthält dabei neben Abbauprodukten aus den Zellen, auch wichtige Aufbauprodukte für die Zellen. Kommt es zu Verspannungen im Körper besteht die Gefahr, dass sich die Lymphflüssigkeit staut, wodurch Faszien verkleben können. Durch ein Verkleben und Verhärten der Faszien wird die Kraftübertragung gehemmt.

Eine weitere sehr wichtige Aufgabe ist die Schutzfunktion. Denn bei großer Krafteinwirkung sind Faszien besonders stabil und bei großer Mobilität besonders flexibel. Darüber hinaus werden Organe durch Faszien geschützt. Sie teilen die Organe dabei in einzelne Segmente (zum Beispiel die Lungen). Dadurch wird die Organstruktur aufrechterhalten und gleichzeitig wird verhindert, dass sich der Befall durch Viren und Bakterien bei einem  Organsegment nicht auf andere Bereiche ausbreiten kann.

Die Faszien können aber noch weitaus mehr. Denn durch ihre hochgradige Innervation dienen sie uns als Schmerzgenerator. Das heißt, Rückenschmerzen sind nicht nur auf Bandscheibenirritationen zurückzuführen sondern häufig auf Mikrorupturen der Rückenfaszie (Tesarz, 2010).

Neben Schmerzrezeptoren besitzen Faszien weitere Messfühler (Rezeptoren), die überall im Faszienkleid vorkommen. Über sie  werden Informationen in unserem Körper von A nach B  übertragen. Während früher nur Muskeln und Gelenkrezeptoren als sinnesmeldende Strukturen anerkannt weilten, sind nach neuesten Erkenntnissen die Faszien ebenso stark in die Wahrnehmung von Muskelspannungen und Gelenkpositionen involviert. Vor allem ist es dem Fasziensystem möglich, Empfindungen benachbarter Muskeln und Gelenken zueinander in Bezug zu setzen. Möglich macht dies die Einbettung der Faszien in komplette Zuglinien, die weite Teile des Körpers miteinander verbinden.

Sport-/Schmerztherapie

Da Faszien wie jedes andere Körperteil verletzt werden können, gilt es durch zielgerichtetes Training Verletzungsprävention zu betreiben. Übungen/Methoden die ich anwende sind einfach und schnell umsetzbar. Sie sind für mich in der täglichen Arbeit mit meinen Klienten als Trainer sowie Körpertherapeut nicht mehr wegzudenken.

Die derzeit bekannteste Methode der externen Faszienmanipulation ist dabei das „Self Myofascial Release“ (SMR). Hierbei handelt es sich um ein Ausrollen der Faszienstrukturen mit Hilfe einer Schaumstoffrolle (bspw. BlackRoll oder GRID). Vergleichbar mit dem Ausrollen eines Pizzateigs, werden Faszienverklebungen (Teigverdickungen) glatt gerollt, um so eine verbesserte Gleitfähigkeit zu erreichen. Im Unterschied zum Pizzateig liegt man auf der Rolle und nicht unter ihr. Neben Schaumstoffrollen gibt es auch Bälle, mit denen gezielt und punktuell kleine harte Verspannungen/Triggerpunkte aufgelöst werden.

Über das Ausrollen kann man sich im Sport auch gezielt aufwärmen. Dabei sollten die Rollbewegungen zügig und in 10 bis 15 Sekunden pro Muskelgruppe durchgeführt werden. Dadurch werden eine bessere Gleitfähigkeit der Muskeln sowie eine verbesserte sensomotorische Kontrolle durch die Aktivierung der Propriozeption erreicht.

Die Rolle hilft auch bei einer schnellen Regeneration nach dem Sport. Dabei sollte langsamer und länger ausgerollt werden.

Optimale Ergebnisse erziele ich mit der SMR-Methode aber auch bei meinen weniger aktiven Patienten. Durch regelmäßige Einheiten (täglich) lassen sich signifikante Verbesserungen in der Flexibilität und einer damit einhergehenden erhöhten Schmerztoleranz erzielen.

Hier findet ihr einen guten Überblick über den Umgang mit der Schaumstoffrolle:

Nach dem Ausrollen der Faszien lasse ich meine Klienten Übungen zur Gelenkbeweglichkeit und Fasziendehnung ausführen (Joint Mobility-Übungen). Diese können aktiv oder passiv durchgeführt werden. Ziel dieser Übungen ist eine bessere Beweglichkeit und Schulung der Körperwahrnehmung.  Eine kleine Auswahl an einfachen aber wirksamen Joint Mobility-Übungen findet ihr hier…

Weitere sehr wirksame Trainingsgeräte zur Verbesserung der Faszienstruktur und -qualität sind Kettlebells und Schlingentrainer, insbesondere der aeroSling. Das Training mit diesen Geräten berücksichtigt viele Muskeln- bzw. Muskelketten.

Eine sehr effektive Methode zur Schmerzbehandlung, die ich seit sechs Monaten erfolgreich anwende ist das Faszien Distorsions Modell nach Typaldos.

Das FDM ist ein anatomisches Modell, in dem Verletzungen oder andere Krankheitsbilder unter Zuhilfenahme der Körpersprache auf ein oder mehrere von sechs spezifischen Distorsionen (Verdrehung) der Faszien zurückgeführt werden.“ (Stephen Typaldos)

Auf Basis der Beschwerdesymptomatik sowie der Körpersprache des Patienten, erstellt der FDM-Therapeut  eine Diagnose, welche unmittelbar zu einer Therapie führt. Die Behandlung erfolgt in den meisten Fällen manuell. Aufgrund der sofortigen Schmerzreduktion wird die Methode bereits erfolgreich im Spitzensport angewandt. Die schnelle Beseitigung der Distorsionen führt zu geringeren Ausfallzeiten und kürzeren Regenerationsphasen. Wichtig für den weiteren Behandlungserfolg ist neben der Vermeidung von Wärmeanwendungen auch ein individuelles Bewegungsprogramm.

Hier bekommt Ihr einen Eindruck über die FDM-Therapie:

Anwendungsbeispiele

Schmerzen in

  • Schulter ( Impingment-Syndrom, Frozenshoulder…)
  • Ellenbogen- und Handgelenksschmerzen (Tennis-/Golferellenbogen…)
  • Rückenschmerzen
  • Hüftschmerzen
  • Knieschmerzen
  • Sportverletzungen aller Art

Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag aufzeigen, wie wichtig Faszientraining ist. Hast Du selbst schon Erfahrung mit Faszientraining sammeln können?

Bleibt in Bewegung und keep on rollin´…

Markus

4 Antworten
  1. Elmar
    Elmar says:

    Cooler und detaillierter Artikel. Danke Markus! Es wird ja viel diskutiert in wie fern es tatsächlich einen „Myfacial Release“ Effekt beim Foamrolling gibt http://www.bettermovement.org/blog/2013/how-does-foam-rolling-work. Ich selbst „rolle“ auch und nutze es aber hauptsächlich zur Schmerzlinderung und Verkürzung der Regenerationszeit der Muskulatur. Ob es nun die Faszien löst oder doch eher die Ansätze der Muskulatur ist für mich dann auch zweitranging, solange mein Primärziel erreicht wird ;-).

  2. Dubulu
    Dubulu says:

    Faszien lassen sich nur manipulieren/verändern wenn man Energie (Druck/Zug) hinzugibt und quasi den Aggregatzustand der Faszien verändert. Eigenbewegung kostet Energie und kann keine Faszien verändern. Wäre das wirklich so, würde schon ein „auf dem Stuhl“ herumrutschen reichen, um die Faszien der Hamstrings oder der Pomusklen zur Entspannung zu bringen.

  3. Fabien
    Fabien says:

    Hallo Dubulu,
    das sehe ich etwas anders. Du sagst ja selbst in deinem Kommentar, dass man zur Veränderung von Faszien Zug und Druck braucht. Jetzt ist es meiner Meinung nach aber auch egal, von wo diese Energie stammt. Eigentlich ist jede Bewegung Faszientraining. Denn das Verkürzen und Längen eines Muskels trägt zur Erhaltung oder sogar Verbesserung der Faszienstruktur und ihrer Arbeitsweise bei. Deshalb auch Markus Ausführungen zu den Joint-Mobility Übungen. Die Faszien müssen so auf Zug-, Druck- und Scherbewegungen reagieren, und sich strukturell anpassen. Auch ein „auf dem Stuhl Hin- und Herrutschen“ kann man im weitesteten Sinne als Faszientraining beschreiben. Es hat einen Massageeffekt und Bedarf Muskelkontraktion und Entspannung im Wechsel. Ob es zur kompletten Entspannunge der von dir genannten Hamstrings und Pomuskeln führt, wage ich aber zu bezweifeln. Muss dies aber zwingend der Fall sein?

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