Schulfach Sport 21.0 – Ein möglicher Entwicklungsansatz für eine neue Zukunft des Schulsports

Bewegung ist Leben – das steht fest. Möglicherweise hat die Evolution auch explizit dafür gesorgt, dass Menschen nur überleben und sich weitentwickeln können, wenn sie sich bewegen. Wenn man sich etwas genauer in der Welt der Sportwissenschaft – aber auch in anderen Fachbereichen – umsieht, so wird schnell klar: Es gibt genügend und sinnvolles Wissen, das angewendet werden kann. Das Schöne dabei ist: Es gibt dafür auch entsprechende Experten.

Schulfach Sport 21.0 – Warum diese Überschrift? Nun, wir leben im 21. Jahrhundert. In einer Wissensgesellschaft, in der nahezu alles innovativ perfektioniert wurde. Diese Entwicklung hat dabei noch lange kein Ende. Die entscheidenden Fragen in Bezug auf die Thematik dieses Beitrags sind daher:

Wie schaffen es Schulen, dem Sportunterricht einen neuen Anstrich zu verpassen, der dem 21. Jahrhundert und dem allgemeinen Bewegungskönnen der heutigen Kinder und Jugendlichen gerecht wird? Können sie das überhaupt alleine schaffen?

Betrachtet man die Weite dieser Thematik, wirkt sie fast unendlich. Dieser Beitrag wird es lediglich schaffen, einen sehr kleinen Einblick über einen möglichen Entwicklungsansatz zu geben. Eines ist aber klar: Soll dem Sportunterricht in den deutschen Schulen ein neuer Charakter verliehen werden, dann sind Kooperationen gefragt.

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Ein paar statistische Fakten

Laut Statistik (Stand 2014) leben ca. 13 Millionen minderjährige Kinder und Jugendliche in Deutschland (1). Davon besuchen circa 11 Millionen (Stand Schuljahr 2014/2015) die Schule und der Rest ist – so nach logischer Annahme – in Kindergärten untergebracht (2). Das Interessante jedoch ist: Es sind schätzungsweise circa 800.000 Lehrer in Deutschland angestellt und davon ist sicherlich nicht jeder Fachlehrer in Sport.

Die aktuelle Situation des Schulsports

Reflektiert man die vorgestellten Zahlen etwas genauer, wird sicherlich aufgefallen sein, dass es definitiv mehr Schüler als Sportlehrer gibt. Das ist aber nicht das grundsätzliche Problem. Dennoch ist die Anzahl an Kindern und Jugendlichen, die in altersgerechten Bewegungsformen gefördert werden müssen, enorm und kann nicht von der bisherigen Anzahl an Sportlehrern in Deutschland gewissenhaft und fachlich abgedeckt werden, sodass bisher eine individuelle Bewegungsförderung fehlt.

Braucht es das überhaupt?
Müssen die Schulen so etwas leisten können?

Der kleine Lionel findet: Ja, aber es kommt nicht nur auf sie alleine an. Es ist zwar nur eine subjektive Wahrnehmung, aber der Großteil der Kinder und Jugendlichen ist dabei, ihren natürlichen Bewegungsdran völlig zu verlernen. Kinder und Jugendliche verbringen einen Drittel des Tages in der Schule und dies fünfmal pro Woche. Meistens findet dabei eine Doppelstunde Sport pro Woche statt, in der die Vorgaben des Sportlehrplans abgearbeitet werden. Wie sinnvoll die einzelnen Aspekte des Sportlehrplans dabei sind, würde an dieser Stelle leider den Rahmen sprengen.

Erschreckend ist die Betrachtung der Gesamtbewegungszeit innerhalb der Schule. Kinder und Jugendliche verbringen in der Schule deutlich mehr Zeit damit, zu sitzen, als sich aktiv zu bewegen, was absolut nicht in einem gesunden Verhältnis zu der Gesamtzeit steht, die sie pro Tag in der Schule verbringen. Dieses Bild trägt sich dann auch in den Alltag: Es wird viel rumgesessen. Die Schule und der Schulsport sind also weniger ein Vorbild darin, den Bewegungsdrang der Schüler langfristig zu steigern, geschweige denn ihn zu erhalten. Zusätzlich ist das Leistungskönnen innerhalb einer Klasse im Sportunterricht unterschiedlicher (heterogen) als es kaum sein könnte, was von einer einzelnen Lehrkraft nicht gestemmt werden kann.

Halten wir also fünf wichtige Punkte fest:

  1. Die Anzahl der Schüler gegenüber der Sportlehrer ist deutlich höher
  2. Sportunterricht auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten ist kaum möglich (siehe 1)
  3. Ein Sportlehrer für eine Klasse ist zu wenig, um vor allem Punkt (2) gerecht zu werden
  4. Kinder und Jugendliche bewegen sich in ihrer Schulzeit pro Woche deutlich zu wenig
  5. Die Inhalte des Sportlehrplans sind dabei aus vielerlei Hinsicht stark zu hinterfragen

Ein möglicher Entwicklungsansatz

Im Folgenden soll ein möglicher Entwicklungsansatz vorgestellt werden, der versucht Lösungen für die dargestellten Problematiken zu finden. Dabei wird vor allem eine Lösung für die Punkte 2-5 gesucht.

Nach Ansicht von Der kleine Lionel steht schon mal fest: Will man das Problem an der Wurzel packen, muss dem Sportunterricht eine zweite Fachperson hinzugefügt werden. Die Gründe, warum dementsprechend noch nicht gehandelt wurde, sodass die Anzahl der Fachlehrer im Sportunterricht gesteigert werden, liegen sicherlich auch in finanzieller Natur – mehr Lehrer kosten den Staat eben mehr Geld. Dass dem Sportunterricht eine zweite Fachperson aus vielerlei Hinsicht jedoch gut zu Gesicht stehen würde, steht außer Frage.

Von wo kann diese zweite Fachperson nun aber herkommen und wer finanziert sie? Der zweiten Teilfrage kann in diesem Rahmen leider nicht nachgegangen werden, sie ist aber trotzdem sehr wichtig, um die Umsetzung letztendlich zu realisieren. Die Antwort auf die erste Teilfrage lautet aber: Diese Fachperson kann aus bestimmten (sportlichen) Institutionen, Einrichtungen, Verbänden, Vereinen oder Selbstständigkeitsbereichen kommen, sodass unzählige Kooperationen mit den verschiedensten Experten (von A wie Athletiktrainer bis V wie (Sport-) Verbandstrainer) möglich wären. Ja, es gibt schon den Ansatz vieler Schulen über Sport-AGs das eigene Schulsportprogramm zu erweitern. Es kann und sollte aber noch einige Schritte weitergedacht werden.

Die Vorstellung beruht auf einer extrem engen Kooperation. Dabei sollen sämtliche Fragen, die im sportwissenschaftlichen Sinne auf den Sportunterricht zurückzuführen sind, im gemeinsamen Austausch zwischen Schule und Kooperationspartner erarbeitet werden. Die Schulen würden sich somit quasi verselbstständigen und die eigene Entwicklung selbst in die Hand nehmen – eine nicht wirklich greifbare Vorstellung im Moment, nicht wahr?

Für den eigentlichen Sportunterricht würde das zuallererst bedeuten, dass sich zwei kompetente Erwachsene den Schülern annehmen, sodass die Aufmerksamkeit für die Gruppe – und gleichzeitig auch die für jeden Einzelnen – viel größer ist, was schon aus sozialpädagogischer und psychologischer Perspektive Sinn machen würde. Zweitens könnte auch fachlich präziser, individueller und den heterogenen Schulsportklassen somit entgegenkommend unterrichtet werden. Womit wir schon bei der nächsten wichtigen Frage wären:

Wie sollen die ungefähren Rahmenbedingungen aussehen und was soll unterrichtet werden?

Die zwei entscheidenden Teilbereiche

Die Rahmenbedingungen bestehen aus zwei Teilbereichen: Grundlegende Bewegungsformen und (sportart-)spezifische Bewegungsformen. Die Inhalte sind sicherlich nicht in einer Doppelstunde pro Woche zu leisten. Die Teilbereiche müssen für sich im Einzelnen in den Stundenplan integriert werden (z.B. über Module oder spezielle Kurse).

Die grundlegenden Bewegungsformen sollen dabei die Basis darstellen. Hierin enthalten sind die wichtigsten menschlichen Bewegungsformen, die den meisten Kindern und Jugendlichen heutzutage abhanden gehen: Druckbewegungen, Zugbewegungen; Bewegungen Streckung/Öffnung der Hüfte; Kniebeugebewegungen, „Loaded Carries“ (Tragen, Schieben, Ziehen und Halten); Roll-, Dreh- und Krabbelbewegungen; Werfen; Springen; Schwingen; Gehen; Laufen; Sprinten und allgemeine Hand-Bein-Koordination.

Teenager Sport Gruppe

Da Kinder und Jugendliche vor allem ihren Körper dann besser kennen- und einschätzen lernen, wenn sie dies in spielerischer Form tun, muss sichergestellt sein, dass es zum ersten auch einen zweiten Teilbereich gibt, der sich mit (sportart-)spezifischen Bewegungsformen (aus den Sport- und Individualsportarten) auseinandersetzt, die während des Spielens selbst erlernt werden sollen.

Bewegung ist Leben – besonders bei Kindern und Jugendlichen!

Die Zusammenarbeit mit externen Sportexperten wird für den Schulsport die Zukunft sein, wenn Kinder und Jugendliche weiter Freude an sportlicher Aktivität und Bewegung haben sollen. Denkbar sind sogar Patenschaften, bei denen vorgesehene Einrichtungen einen kompletten Jahrgangsbereich einer Schule in allen geforderten Inhalten im Sportunterricht unterstützen.

Die Inhalte dieses Beitrags reichen nicht aus, um alle Aspekte in der Tiefe umfassend darzustellen. Viele Fragen stehen noch im Raum, die mit dem gesamten Schulsystem stehen und fallen. Es ist nahezu ein riesiges Fass an Fragen, was deutlich zeigt, wie verfangen und unflexibel der Schulsportunterricht in diesem gesamten System zu sein scheint. Das ist mehr als schade und vor allem unnötig. Es geht doch eigentlich nur um gesunde Bewegungsförderung bei heranwachsenden Menschen, denn:

Wo sind die Kinder, die noch auf Bäumen herumklettern?
Wo sind die Jugendlichen, die nahezu jedes noch so kleine Stück Wiese zum Bolzplatz verwandeln?
Wo verbringen Kinder und Jugendliche die meiste Zeit am Tag?

Die Antwort auf die letzte Frage: In der Schule. Daher sollte vor allem die Schule als Vorzeigeplattform dienen, um den Bewegungsdrang der Kinder und Jugendlichen wieder aufzufrischen. Es ist schon lange bewiesen, dass sportlich aktive Kinder und Jugendliche bessere kognitive Leistungen hervorrufen können, sodass bei jedem Einzelnen – auch über den Sport hinaus – noch viele unentdeckte Potenziale schlummern, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Weiterentwicklung der Gesellschaft möglicherweise nutzbar und hilfreich sein können.

Eines steht jedoch fest: Es muss etwas passieren. Es braucht definitiv mehr Experten für den Kinder- und Jugendsport in der Schule, die die jeweiligen Sportlehrer unterstützen. Zusätzlich ist ein System erforderlich, das den Sport in den Schulen fördert und nicht behandelt wie ein stiefmütterliches Kind, bei dem Hopfen und Malz längst verloren zu sein scheinen. Letztendlich stellen sich zum Ende dieses Beitrages die Fragen:

Was an dem bisherigen Schulsportsystem ist wirklich sinnvoll?
Vor allem: Was ist dabei sinnvoll UND effektiv für die körperliche Entwicklung der heranwachsenden Menschen?

Alle Menschen, die in diesem Zusammenhang etwas dazu beitragen können, ob in politischer, sportwissenschaftlicher, psychologischer oder pädagogischer Hinsicht, stehen in besonderer Verantwortung.

Denn eines steht fest: Bewegung ist Leben – besonders bei Kindern und Jugendlichen!

 

Quellen und Literaturtipps:

(1) Statista (2015). Anzahl der minderjährigen Kinder in Familien in Deutschland von 2000 bis 2014 (in 1.000). Zugriff am 05. Dezember 2015 unter http://de.statista.com/statistik/daten/studie/197783/umfrage/minderjaehrige-kinder-in-deutschland/ zurück zum Text

(2) Statistisches Bundesamt (2015). Schulen. Zugriff am 05. Dezember 2015 unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/BildungForschungKultur/Schulen/Schulen.html zurück zum Text

3 Kommentare
  1. Ben Menges
    Ben Menges says:

    Toller Artikel Rainer!
    Es stimmt leider, dass viel zu wenig Bewegung für Kinder existiert. Sie werden nicht ermutigt, nicht motiviert, sondern im Gegenteil sogar oft bestraft falls sie sich bewegen wollen: „Bleib still sitzen!“. Das macht natürlich den Bewegungsdrang irgendwann kaputt. Völlig nachvollziehbar. Aber die Folgen für die Kinder sind hinlänglich bekannt:
    Sie werden fett, faul, krank und schwach. Ok… Ich drücke es sehr krass aus, aber so ist nun mal der Trend. Und entsprechend gibt das auch für die Gesellschaft schwierige volkswirtschaftliche Folgen. Daher: Mehr Schulsport an den Schulen!
    Gruß,
    Ben

  2. Fabien Mpouma
    Fabien Mpouma says:

    Hi Ben,
    Du hast absolut recht: Kinder sollten sich mehr bewegen. Und ich muss sagen, dass sie auch viel weniger sitzen sollten. Die meisten Menschen verbringen einfach viel zu viel Zeit auf Stühlen. Das beginnt leider schon mit dem Stuhlkreis im Kindergarten. Die Schule und das spätere Berufsleben tun dann ihren Rest…

  3. Rainer (Der kleine Lionel)
    Rainer (Der kleine Lionel) says:

    Hallo Fabien & Ben,

    danke für die Kommentare zum Beitrag.

    Ben: Du hast Recht! Vor allem die volkswirtschaftlichen Folgen fallen extrem gravierend aus. Ich bin gespannt, wie es in Zukunft weitergehen wird.

    Fabien: Dein Beispiel mit dem Stuhlkreis im Kindergarten ist sehr interessant und stimmt zum Nachdenken. Möglicherweise ein guter Ansatz für einen weiteren Beitrag […] 😉

    Beste Grüße

    Rainer

    Rainer

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