Sind instabile Untergründe funktionell?

Heute möchte ich mich mit einer heiß diskutierten Frage widmen: Sind instabile Untergründe funktionell??

Diese Frage haben sich schon viele Trainer und Athleten gestellt. Die Einen nutzen häufig Balancepads, Gymnastik-Bälle oder Ballkissen als Bestandteil des funktionellen Trainings. Andere definieren gerade über solche Hilfsmittel funktionelles Training. Und wieder Andere meinen, dass Übungen auf instabilen Untergründen unfunktionell seien, da solche Situationen im Alltag so nicht zu finden seien und das Training demnach keinen Transfer biete. Wahrscheinlich gibt es hier nur eine Diskrepanz in der Definition von „funktionell“.

Was funktionell bedeutet, haben wir ja bereits in einigen Beiträgen in dieser Community erfahren. Siehe hierzu den Artikel von Tom Schwendener.

Eines ist klar: Bewegungen können auch auf Balancepads etc. trainiert werden. Ebenso steht die Bewegungsqualität und nicht die Quantität im Vordergrund. Denn hierbei erzielt man enorme Effekte auf die muskuläre Ansteuerung und die inter- und intramuskuläre Koordination. Soll heißen, das Zentrale Nervensystem, also die Datenleitungen zwischen Gehirn und ausführendem Organ, lernt schneller und effizienter zu funktionieren. Außerdem verbessert sich die Kommunikation zwischen den einzelnen Muskelfasern und zwischen ganzen Muskeln. Gerade die gelenkumgebende und die stabilisierende Muskulatur des Rumpfes steigern ihre Leistung enorm.

All dies dient also unterm Strich der Verbesserung der Haltung und Bewegungsqualität und kann prophylaktisch Fehlbelastungen und Stürze vorbeugen. Wenn ein Sportler oder Alltagsmensch hier seine Defizite sieht, ist es also eigentlich eine gute Möglichkeit den Fokus des Trainings darauf zu legen, und mittels instabilen Untergründen daran zu arbeiten.

Demnach handelt es sich hierbei also um funktionelles Training.

„Ja, aaaaber!”, werden jetzt die Hardliner sagen. Functional Training dient der Funktion, also der Verbesserung der Leistung in einer Sportart oder eben im Alltag. Die Übungen sind immer übertragbar und alltagsnah bzw. sportartspezifisch. Deshalb sollte, wenn es nach ihnen geht, das Training immer mit den Füßen auf dem Boden der Tatsachen stattfinden. Es gibt schließlich keine Sportart, bei der auf Schaumstoffboden gewetteifert wird. Genauso wenig sind unsere Wohnungen, der Gehweg oder das Büro mit Luftkissen ausgelegt. Functional Training sollte Bewegungen trainieren. Bewegungen wie Werfen, Ziehen, Drücken, Heben, Tragen usw. Also Bewegungen, die wir genauso in unserer Tätigkeit wiederfinden.

Es scheint, als könne sich die Community in diesem Punkt einfach nicht einigen. Ich werde hier auch nicht versuchen eine definitive Antwort auf die Frage zu geben. Dafür ist das Thema einfach zu facettenreich. Aber ich kann dennoch versuchen meine persönliche Meinung anhand eines Beispiels zu erläutern:

In einem früheren Artikel habe ich ein paar Worte über den Bizeps Curl verloren. Dieser ist ja verschrien als unfunktionell. Ich denke aber, dass ein Bizeps Curl, der im Stand und mit freien Gewichten ausgeführt wird, doch funktionell sein kann.

„Oft genug tragen wir im Alltag eine Kiste oder einen großen Gegenstand vor dem Körper. Mit gestreckten Armen ist dies nur bedingt möglich, da es das Gehen, ganz zu schweigen vom Treppensteigen, stark erschwert. Es ist ebenso nur bedingt zu empfehlen, da man hierbei dazu neigt, den Oberkörper nach hinten zu neigen und so eine übermäßige Lordose der Wirbelsäule provoziert. Besser für die Haltung des gesamten Körpers ist es also, die Arme anzuwinkeln, um so den Gegenstand vor dem Bauch zu tragen. Und schon haben wir ihn: Den Bizeps Curl!“

Außerdem setzt man mit dieser Übung ebenso Reize für die Rumpfmuskulatur und die des Schultergürtels, welche viel Stabilisationsarbeit leisten müssen.

Was ich damit eigentlich sagen möchte ist, dass auch isolierte Übungen oder Übungen auf instabilen Untergründen funktionell sein können (vgl. Pilkahn: Stärke nach Collins. Punkt 14.). Vor allem, wenn sie dazu dienen den Fokus des Trainings auf die gezielte Verbesserung einzelner Körperpartien, Teilbewegungen oder Strukturen des Ganzen zu legen. Um beim Beispiel des Bizeps Curl zu bleiben: Wenn Du Probleme beim Klimmzug hast, kann es eine gute Idee sein, den Bizeps isoliert zu trainieren. Denn von diesem Isolationstraining kann die gesamte Klimmzug-Bewegung profitieren.

Wie Gray Cook schon gesagt hat:

„Bei vielen Trainings- und Konditionskonzepten liegt der Schwerpunkt auf der Maximierung der Stärken, sinnvoller ist es jedoch, die Schwächen anzugehen und an den Problembereichen zu arbeiten. Früher oder später werden die ignorierten Schwächen in Ihrem Alltag, Training oder Wettkampf zutage treten, eine Vernachlässigung Ihrer Schwachstellen ist also langfristig keine gute Idee.“ (Cook 2011, S.16)

Die oben genannten Hilfsmittel können als Puzzleteil des funktionellen Trainings gesehen werden. Denn im Endeffekt ist jede Art von Bewegung, Übung oder Training funktionell, wenn sie uns dabei hilft die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu steigern und unser Wohlbefinden zu erhöhen. Also ist mein Tipp: Trainiere, aber trainiere frei!

Bis dahin
Euer Fabien

2 Kommentare
  1. Harald
    Harald says:

    Hallo,
    wenn die Überschrift – Sind instabile Untergründe funktionell? – lautet, dann solltest Du auch instabile und nicht labile Untergründe , wie Balancepads, Gymnastik-Bälle oder Ballkissen auflisten.
    Instabilität und Labilität sind zwei ganz verschiedene Dinge.

    MfG
    Harald

  2. Fabien Mpouma
    Fabien Mpouma says:

    Hallo Harald,
    wie genau definierst du denn Instabilität? Ich habe dieses Synonym verwendet, da es meiner Meinung nach genau das Gegenteil zu Stabilität beschreibt. Instabil kommt von lat. „instabilis“ und bedeuted „ohne festen Stand“. Wie es in unserer deutschen Sprache ausserdem größtenteils üblich ist, beschreibt man mit Wörtern, denen man a-, un-, in- oder de- vorschiebt, das genaue Gegegenteil. Vielleicht habe ich es mir damit etwas einfach gemacht. Vielleicht trifft die Definition aber auch genau zu. Denn wenn ich in einer tiefen Hocke auf einem Gymnastikball eine Wurfbewegung mit einem Medizinball ausführe, ist mein Körper auf sehr instabilem Untergrund. Es kann jeden Moment zum Sturz kommen. Labil beschreibt meines Wissens eine Zwischenstufe. Mein Körper wäre zwar leichter aus dem Gleichgewicht zu bringen als bei einem stabilen Stand, jedoch nicht kritisch. Beim einbeinigen Stand (Barfuß) zum Beispiel wäre ich labil, habe aber dennoch ausreichend stabile Kontaktfläche um meinen Körper kontrolliert im Lot zu halten. Addiere ich jetzt zum Beispiel Laufschuhe (Schaumstoff-, Luft- oder Gelsohle), Balancepads etc. habe ich immer weniger Kontrolle und wir bewegen uns in Richtung labil-kritisch, bis hin zu instabil. Das wollte ich mit diesem Artikel aussagen.
    Viele Grüße

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